Title
Anmeldung
  • 1
  • 2
  • 3
  • 4
  • 5
  • 6
  • 7
  • 8
  • 9
  • 10
  • 11
projekt »worte«
galerie_worte_einladung»Worte will ich, rauh wie unberührte Steine«

Das Zitat des großen chilenischen Poeten und Literaten Pablo Neruda steht Pate für eine Ausstellung, die sich einer besonderen Form der Kunst widmet. Einer Kunst um Worte und Wörter, die sich ihnen jedoch nicht des Inhalts, der Poesie und Dichtkunst wegen bedient, sondern sie vielmehr ob der Ästhetik ihrer äußeren Form der Typen, Zeichen und Lettern besonders hoch schätzt: Die Kalligrafie. Beeindruckende Arbeiten zum Thema präsentiert nun der Heddesheimer Frank Fath im SCHAUPLATZ der Werkstätten Grenzhof Heidelberg und stellt damit sein Werk von rund 20 Exponaten erstmals der Öffentlichkeit vor.

Die Kunst des schönen Schreibens lernte Frank Fath in ersten Kontakten zu Formen der handgeschriebenen Schrift während seiner Ausbildung zum Kartografen bei der Stadt Mannheim von der Pike auf. Das Faszinosum der Schriftkultur mit Federkiel, Pinsel, Tinte und Tusche ließ ihn nicht mehr los. Er vertiefte seine Kenntnisse in Symposien zur Kalligrafie in England und bildete sich bei namhaften nationalen und internationalen Schriftkünstlern aus Mannheim, Leipzig, Irland, Italien und den USA ständig weiter. Die Stadtväter Mannheims übertrugen dem talentierten Mitarbeiter die Verantwortung für alle relevanten kalligrafischen Arbeiten, darunter ehrenvolle Aufgaben wie das Gestalten der Urkunden zur Verleihung des Schiller- und Dudenpreises und das Führen des Goldenen Buches der Quadratestadt, das seit nunmehr zwanzig Jahren, im wahrsten Wortsinne, Faths Handschrift trägt.

Kulturgeschichtlich gesehen diente die Kalligrafie im Europa des Mittelalters vor allem der Übermittlung von Literatur mit dem Bestreben, die Texte klar lesbar zu halten. Als eigene Kunstform drückte sich das Schönschreiben hauptsächlich in der Gestaltung von Überschriften aus. Seit Beginn der Neuzeit, möglicherweise auch durch die frühe Erfindung des komfortablen Buchdrucks hierzulande, verlor die Kalligrafie zwar zunächst an Bedeutung, jedoch nie an Faszination. Während allerdings die westliche Welt mit größter Bewunderung, fast ehrfürchtig, auf die hohe Kunst der arabischen und asiatischen Kultur des Schönschreibens schielt, sie studiert und sich gar zu eigen macht, verfolgt Frank Fath einen ganz anderen Ansatz: Er arbeitet mit dem lateinischen Letternsystem. „Unsere lateinische Schrift gibt alles her, was die Kalligrafie als Kunstform, bei der Lesbarkeit bedeutungslos wird und dem Streben nach der perfekten ästhetischen Ausgewogenheit weicht, verlangt“, so der Künstler. Im Gegensatz zu Kollegen, die sich in der exotischen Welt der östlichen Schriftzeichen bewegen, setzt Fath auf Authentizität und folgt der Prämisse des Wiesbadener Kalligrafie-Professors Gottfried Pott: „Nur wer die Grenzen kennt, darf sie durchbrechen.“

Genau an der Stelle, an der Schwelle vom traditionellen Handwerk des Schreibens mit all seinen typografischen Gesetzmäßigkeiten zum individuellen Ausdruck von Kunst und Ästhetik der Kalligrafie legt Frank Fath den Maßstab für seine beeindruckenden Arbeiten. Die Musik ließe wohl den Vergleich zu einem ausgebildeten Musiker zu, der den Bereich der formalen Notenwelt verlässt, um sich den hohen kreativen Anforderungen der Improvisation zu stellen. Frank Fath gelingt dies meisterlich. Er „verjazzt“ sozusagen die Welt der Buchstaben, führt sie in die Abstraktion ohne dabei die Gesetzmäßigkeiten der eigenen unterschiedlichen Schriftformen zu verletzen. Das Gesamtkunstwerk einer kalligrafischen Arbeit von Frank Fath findet Ausdruck im Stil der Collage. Dabei bedient er sich verschiedenster Hintergrundtechniken, trägt auf Leinwände oder Papier gelöschten Kalk, farbpigmentierte Tinten und Tuschen auf, darunter in dezenter Unschärfe gehalten hier und da eine antike Buchseite, darüber edel und strahlend, aber dennoch unaufdringlich Vergoldungen, die die eigentliche Kunst, die Kalligrafie, wie auf Händen tragen. Die Wortgewalt Pablo Nerudas hat es dem Künstler angetan und so benutzt er dessen Worte als unberührte Steine, formt daraus kalligrafische Skulpturen, ausdrucksstark wie die Poesie selbst.

Text: Renate Fernando